Dilsberg am Neckar

Fahrrad-Erlebnis: „Mein Waterloo heißt Dilsberg“

Ich bin in Rainbach an der Abzweigung zur Bergfeste Dilsberg angekommen. Geradeaus geht der Radweg am Neckarufer weiter, nach rechts beginnt der Anstieg Richtung Dilsberg.

Was ich von Neckargemünd aus gesehen hatte, erschien mir nicht nur sehr interessant, sondern äußerst bemerkenswert. Es ist aus diesem Blickwinkel keine mittelalterliche Burg zu sehen, wie sie üblicherweise zu erwarten ist. Eher sind Häuser mit roten Dächern zu erblicken, deren Außenwände sich kreisförmig zu einer Rundung zusammenschließen. Also eine Reihenhaussiedlung, die einen Kreis bildet und wehrhaft ist wie eine steinerne Wagenburg im Wilden Westen von Amerika. Und das mitten in Europa, ja sogar direkt in Deutschland. Da muss ich hin. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck aus der Pulle und gebe meinem Drahtesel die Sporen.

Die ersten Meter dienen dazu, die Muskulatur auf Betriebstemperatur zu bringen, was bei den vorhandenen geografischen Verhältnissen in sehr kurzer Zeit möglich ist. Dass der Weg nach Dilsberg ordentlich ansteigt, kann nicht als unerwartet bezeichnet werden. Schließlich liegt eine Burg ja immer auf einem Berg. Und außerdem zeigt die Karte, dass dieser Berg 290 Meter hoch ist. Ich muss also vom Neckar aus auf 290 Meter hoch, wobei die zurückzulegende Strecke ungefähr drei Kilometer lang ist. Die mathematisch begabten Leser werden an dieser Stelle sehr schnell erkennen, dass dies einer durchschnittlichen Steigung von ungefähr 10 % entspricht. Somit erwartet mich sicherlich keine gemütliche Spazierfahrt. Dessen bin ich mir bewusst. Dass der Weg aber mit einer solchen, nicht enden wollenden heftigen Steigung beginnt, drückt dann doch auf mein Gemüt. In kürzester Zeit schnellt die Temperatur meiner Muskulatur in sehr unbehagliche Höhen. Nach wenigen Hundert Metern habe ich das Gefühl nicht mehr in die Pedale, sondern gegen eine undurchdringbare Wand zu treten. Atmung, Puls und Blutdruck nehmen fast bedrohliche Ausmaße an. Ich beiße die Zähne zusammen, trete mit aller Kraft in die Pedale und erreiche eine Geschwindigkeit, die bei gefühlten null km/h liegt.

‚Schäme dich nicht‘, höre ich meine innere Stimme sagen, ’steig einfach ab und mach eine kleine Verschnaufpause. Dann geht es sicherlich besser.‘ In solchen Situationen bin ich meist ein folgsamer Junge und höre auf meine innere Stimme. Völlig außer Atem mit heißgelaufener Muskulatur und weichen Knien steige ich schweißgebadet vom Fahrrad. Ich komme mir vor, als hätte ich gerade eine Bergetappe der Tour de France absolviert. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass die Fahrräder der Kollegen Radprofis bei der Tour de France weniger als 8 kg wiegen und mein Velo inklusive Gepäck bei ungefähr 50 kg liegt. Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass die Profis auch noch weniger Lebendgewicht auf die Waage bringen. Für die kühlen Rechner unter Ihnen sei an dieser Stelle erwähnt, dass mein zulässiges Gesamtgewicht inklusive Fahrrad, Gepäck und meiner schmächtigen Wenigkeit zusammen 130 kg beträgt. Wie auch immer, ich habe in diesem Augenblick das Gefühl, als wären dies keine Kilogramm, sondern Tonnen, die ich den Berg hochwuchten muss.

Egal, da muss ich jetzt durch. Dieses Dilsberg muss ich sehen. Also nehme ich meinen Lenker fest in die Hände und schiebe mein Fahrrad den Berg hinauf. Dabei bin ich nicht so ganz sicher, ob es einfacher ist, das Fahrrad zu schieben oder es per Pedalumdrehung weiterzubewegen. Trotzdem schiebe ich erst einmal. Die Lungen pfeifen, der Puls rast und mein ganzer Körper glüht. Der Schweiß rinnt aus allen Poren und tropft auf den Boden als Spur und Wegweiser für jeden, der den gleichen Weg nach mir nehmen will. Passagen des Schiebens wechseln mit Passagen des bergauf Radfahrens ab, oder sollte ich diese Art der Fortbewegung besser als Radklettern bezeichnen? Die Straße ist gnadenlos steil und nimmt kein Ende. Ich drehe mich um und sehe am Rande der Gegenfahrbahn ein Schild, das 15 % Gefälle anzeigt. Hui, welch eine rasante Abfahrt wäre das. Nur bin ich leider im Moment in der falschen Richtung unterwegs und muss eine 15%ige Steigung ertragen. Ich kann es jedem Eroberer der damaligen Zeit nachfühlen, der schon vor dem Kampf mit den Rittern von Dilsberg die Schnauze voll hatte, weil er zuerst diesen Berg bezwingen musste.

Ah, ein Lichtblick. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke zeigt ein Schild mit der Aufschrift „Fußweg“ nach links. ‚Fußwege sind ja üblicherweise einfacher zu bewältigen als Straßen für motorisierte Fahrzeuge‘, denke ich mir und biege ab. Es lässt sich auch sehr gemütlich an, denn die Zufahrt zum eigentlichen Fußweg ist absolut flach und so mit wenigen Pedalumdrehungen in entspannter Leichtigkeit zu bewältigen. Dann beginnt der Fußweg, nach rechts den Berg hinauf. Der Belag des Fußwegs ist ein eher lieblos hingeschütteter und wenig fachmännisch verteilter Beton, was nicht unbedingt einladend wirkt. Da ich aber immer noch davon überzeugt bin, dass Fußwege einfacher zu bewältigen sind als Bergstraßen, nehme ich eben diesen Weg der Fußgänger. Nach den ersten hundert Metern wird mir klar, dass der Fußweg eine Einbahnstraße ist. Durch seinen schlechten Belag ist er mit dem Fahrrad, vor allem bei der vorhandenen Gepäckmasse, nicht nach oben in Richtung Burg und schon gar nicht auf dem umgekehrten Weg befahrbar. Das Einzige, was geht, ist Schieben in Richtung des Berggipfels. Leider kommt diese Erkenntnis zu spät. Ich habe schon ein zu großes Stück des Dilsbergpfades erklommen, als dass ich gefahrlos umkehren könnte. Was soll’s, packen wir’s an und besiegen den Dilsberg!
Nach einer weiteren Kurve und einigen zehn Metern des Schiebens wird mir auch noch bewusst, dass dieser Fußweg ein ganzes Stück steiler ist als die vorher benutzte Straße mit den motorisierten Fahrzeugen. ‚Nur gut, dass ich mich wenigstens in einem abgasfreien Bereich mit frischer Luft befinde‘, hoffe ich zumindest einen positiven Aspekt meiner Fußwegaktion gefunden zu haben. Meinen Körper scheint dies nicht zu interessieren. Er pfeift und keucht, schwitzt und leidet, aber er kämpft sich Schritt für Schritt, Meter für Meter den Berg hinauf. Es wird immer deutlicher: Die Wahl dieses Fußweges ist in die Kategorie der größeren Fehler meines Lebens einzuordnen. Und es ist kein Ende in Sicht. Der Verlauf dieses Weges ist sehr schlecht einzusehen. So ist nicht erkennbar, wie lange er sich noch den Berg hochwindet und ob er überhaupt jemals die Bergfeste Dilsberg erreicht. Er ist einfach nur steil und will Zentimeter für Zentimeter bezwungen werden. Wie eine Hilfe aus dem Nirgendwo kommen mir die Sitzbänke am Wegesrand vor. Ja, eine Bank nach der anderen, die im Abstand von ungefähr 100 Metern angeordnet sind. Wer auch immer die Einrichtung so vieler Bänke am Rande des Fußwegs nach Dilsberg beschlossen hat, es muss ein Mensch gewesen sein, der einst auch gezwungen war, sein Fahrrad diesen Berg hinaufzuschieben. Da bin ich mir absolut sicher und nehme die Sitzgelegenheiten als Zeichen eines erfahrenen Leidensgenossen dankbar an. Im Bewusstsein, mich auf einen solch kompetenten Vorgänger verlassen zu können, passe ich mich dem Rhythmus der Bänke an und mache bei jeder eine Verschnaufpause. Puh, das tut gut!

Trotzdem bin ich, ich gebe es unumwunden zu, fix und fertig. Vergessen ist das attraktive Bild von Dilsberg aus der Perspektive von Neckargemünd. Und vergessen ist auch die Neugier auf die ungewöhnliche Anlage mit ihrer wehrhaften Reihenhaussiedlung. Die einzige noch verbliebene Motivation ist rein praktischer Natur. Sie resultiert aus der Gefahr, die sich bei einer Abfahrt durch die Konstellation aus dem Betonbelag der Fahrbahn und dem Gesamtgewicht des Fahrrades ergibt. Ein Unfall wäre unvermeidlich. Also kämpfe ich mich freiwillig gezwungen den Berg hinauf, Schritt für Schritt, Meter für Meter, Bank für Bank.

Ich weiß nicht, welche Ewigkeit ich auf dieser Strecke schon unterwegs bin. Es muss eine von diesen Ewigkeiten sein, die niemals enden wollen. ‚Grauenvoll ist das. Wenn ich den erwische, der auf die Idee kam, diesen Fußweg zu nehmen. Schon allein die Idee, dieses Dilsberg zu besichtigen, ist ja völlig verrückt.‘ Meine Gedanken vermischen sich zu einem Gebräu aus Wut, Verzweiflung und völliger Erschöpfung. Doch dies gibt mir wenigstens ein bisschen Kraft und bringt mich vorwärts. ‚Aber was ist das?‘ Endlich sehe ich einer Fata Morgana gleich das Ziel meines Weges. Es zeigt sich mir in Form eines Parkplatzes vor dem Bauwerk der Bergfeste. Erleichtert stelle ich außerdem fest, dass der Erbauer des Fußweges endlich ein Einsehen hatte und den bis dahin steil bergan führenden Betonpfad am Ende in einer entspannenden Serpentine ausklingen lässt. Wie liebliche Musik fühlt sich die Vorfreude auf diese Erleichterung an. ‚Aber, wo ist eigentlich das tatsächliche Ende des Weges?‘, frage ich mich verblüfft. Das Gras ist so hoch gewachsen, dass ich zwar die allerliebste Serpentine, aber nicht die finale Ankunft des Weges einsehen kann. Nun haben wir Männer mitunter, zumindest manchmal, die eine oder andere praktische Vorahnung. Es soll uns ab und an glücken, die räumliche Weiterführung zum Beispiel eines Weges zu erahnen. Und das sogar in einem Zustand völliger körperlicher Erschöpfung. Momentan geht es mir ebenso, sodass mein Gehirn wirklich des Denkens noch mächtig ist: ‚Wenn der Weg so weitergeht, wie er aktuell einsehbar ist, dann endet er direkt am Fuße der Stützmauer, die den Parkplatz begrenzt. Der Parkplatz mit der angrenzenden Bergfeste ist mein Ziel. Die Stützmauer ist ungefähr zwei Meter hoch. Somit liegt der Parkplatz zwei Meter höher als mein Fußweg. So weit, so gut. Und wie komme ich dann vom Weg auf den Parkplatz …?‘ Ich traue mich nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Je näher ich der Mauer aber komme, desto mehr verhärten sich meine Ahnungen zur gnadenlosen Wahrheit. Obwohl mein Körper durch die zurückliegende Anstrengung glüht, wird die Realität zur spürbaren eiskalten Erkenntnis. Es ist tatsächlich wahr und treibt mir den Frost des Schauderns in die Glieder. Das Ende des Fußwegs mündet in einer Treppe, welche diesen mit dem Parkplatz verbindet. Nun bin ich mit höchster Anstrengung so weit gekommen und muss zum bitteren Ende auch noch eine Treppe überwinden. Mir bleibt auch gar nichts erspart. Mit dem letzten Körnchen meiner eigentlich gar nicht mehr vorhandenen Kraft wuchte ich mein Fahrrad nebst Gepäck und allen sonstigen Utensilien jede einzelne Stufe der Treppe hoch. Es sind exakt 15 Stufen. Dabei habe ich das Gefühl, als ob ich in einer überdimensionierten Zeremonie jeder einzelnen Stufe persönlich vorgestellt würde. Zumindest muss ich bei jeder Stufe sehr lange innehalten, bis ich wieder ausreichend Energie habe, um diese zu überwinden.

Mit allerletzter Kraft erreiche ich tatsächlich die Bergfeste Dilsberg. Ich weiß nicht mehr genau wie, aber ich habe es geschafft. Langsam komme ich wieder zu Atem, stelle das Fahrrad ab und schwöre, dass ich diesen Berg nie mehr in meinem ganzen Leben betreten werde!

Konsequent, wie wir Männer sind, habe ich den Dilsberg auch nie mehr betreten. Nun ja, zumindest nicht mehr über den Fußweg.

Wer mehr über Dilsberg und seine wunderschöne Umgebung erfahren möchte, kann gerne in meiner eBook-Reihe „Die einzigartige Neckartour“ stöbern. Diese finden Sie unter www.neckartour.de

Ich wünsche Ihnen eine unvergessene Radtour am Neckar.

Ihr
Benno Siegrist
 
 

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