Stuttgart

Fahrrad-Erlebnis: „Mein liebes Stuttgart!“

Oh Du mein liebenswertes Stuttgart – Was tust Du mir an?

Da habe ich vier Jahre bei Dir gewohnt und immer pünktlich die Lohnsteuer, den Solidaritätszuschlag und mit großer Freude die Kirchensteuer bezahlt. Ja, vor allem die Kirchensteuer. Auch wenn der tatsächliche Grund dafür war, dass die erzkatholischen Beamten Deines Stadtteils Heumaden kein Formular zum Kirchenaustritt finden konnten. „So ebbes bledsinnigs habet mir in Heimade no nie braucht“, wurde mir bei meinem gescheiterten Austrittsversuch eindringlich vermittelt. Trotzdem habe ich sie gerne gezahlt, die Kirchensteuer.

Es war doch eine schöne Zeit mit uns. Ich habe Dich geliebt. Überdies habe ich mich mit Deinen Stuttgartern gut verstanden. Wirklich, ich hatte sogar freundschaftlichen Umgang mit ihnen. Dabei meine ich nicht die Stuttgarter im Allgemeinen. Nein, ich spreche von den eingefleischten eingeborenen Stuttgartern, mit denen 99,99 % der Menschheit nie und vom Grundsatz her schon niemals nie Kontakt bekommen kann. Ich jedenfalls hatte Kontakt. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mit ihnen das eine oder andere Viertele von ihrem Trollinger vertilgt habe. Derweil habe ich es sogar geschafft, diese rötliche Flüssigkeit als wohlschmeckend zu empfinden. Und nach einer genügenden Menge des purpurnen Wohlgeschmacks wurde ich genötigt, schwäbische Redewendungen aufzusagen. „Mach mal gschwind langsam“, habe ich oftmals zum Besten gegeben. Ehrlich gesagt, welcher normale Mensch ‚macht mal schnell langsam‘? Das kann doch nur einem Stuttgarter passieren, höchstens noch einem Schwaben. Egal, ich habe sie alle ertragen.

Also gut, ich geb’s ja zu. Das mit der Kehrwoche habe ich vielleicht nicht so ganz perfekt hinbekommen. Das Ziel des glänzend polierten Klingelknopfes wurde von mir nur annähernd erreicht. Aber was kann ich denn dafür, dass die Stuttgarter zu geizig sind, einen hauptamtlichen Hausmeister einzustellen, der sich um die Belange der Wohneinheiten kümmert. Stattdessen verlangen sie von jedem einzelnen Mieter, die Hausmeistertätigkeiten im abwechselnden Wochenrhythmus vollumfänglich auszuüben. Und das nennen sie dann Kehrwoche. Ein solcher Job ist ja wohl deutlich mehr als nur das wöchentliche einfache Kehren. Ausbeutung nennt man das.

Schweigend und gelassen habe ich all das über mich ergehen lassen. Ja, so gut war ich zu Dir, mein liebes Stuttgart. Und ich bin es auch noch heute, viele Jahre nachdem wir uns getrennt haben. Deshalb hatte ich geplant, bei unserem Wiedersehen wunderschöne Fotos von Dir und Deinen Attraktionen zu machen. Diese sollten in meinem Buch veröffentlicht werden. Du solltest so schön fotografiert sein, wie es die Welt noch nie zuvor gesehen hat. Oft, ja sehr oft habe ich Dich besucht, um das richtige Wetter, das beste Licht und die eindrucksvollste Perspektive zu erhalten. Und was machst Du? Wie ein beleidigtes Kind hast Du mir gegrollt. Dickste Bewölkung am Mittag mit fast vollkommener Dunkelheit war das harmloseste Entgegenkommen von Dir. Regen, Gewitter, Hagel und sogar Überschwemmungen hast Du herbeigezaubert. Keine Katastrophe war Dir zu gering, als dass Du sie mir vorenthalten wolltest. Begrüßt man so einen alten Freund? Auch eine Party hast Du gefeiert, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Ja, genau vor dem Motiv des neuen Schlosses. Einen solchen Anblick kann man nun wirklich nicht veröffentlichen. Du warst stockbetrunken und bist mir ständig aus dem Rahmen gefallen. Am nächsten Tag hattest Du auch noch einen Kater. Entschuldige, aber in einem solchen Zustand warst Du noch nie fotogen. Und jetzt, bei meinem ich-weiß-nicht-mehr-wievielten Besuch, sperrst Du mir auch noch den Fahrradweg zu. Wegen eines Rockkonzerts. Auch wenn das Wetter dieses Mal sehr gut ist, schließt Du die Türe zu und lässt mich nicht einmal an das kleinste Deiner allerheiligsten Sehenswürdigkeiten. Außerdem haben Deine Wachhunde keine Umleitung für ortsunkundige Radfahrer eingerichtet. Ist wahrscheinlich auch besser so. Als ich sie nach einer Ausweichmöglichkeit frage, heben sie in ihrer schwäbisch überschwänglichen Hilfsbereitschaft nur vielsagend die kompetenten Schultern. Die haben auch keine Ahnung, wo’s langgeht. Querfeldein muss ich jetzt fahren, auf schlüpfrigem Untergrund mit integrierter Sturzgefahr. Du hättest nach meinem letzten Abschied vielleicht doch nicht so viele Tränen vergießen sollen. Dann wäre die Fahrbahn jetzt trocken.

Mist! Jetzt hat’s mich doch tatsächlich aus dem Sattel gehauen. Zu allem Überfluss liegt auch noch das Fahrrad mit seinem ganzen Übergewicht auf meinem Schienbein. Als leidendes Individuum männlichen Geschlechts kann ich da nur sagen: „Aua, das tut weh! Hoffentlich muss nicht das ganze Bein amputiert werden.“ Zumindest wird es ganz schön dick. Na, heute komm ich nicht mehr weiter. „Hast Du’s endlich geschafft, mein herzallerliebstes Stuttgart, dass ich dieses Mal länger bleiben muss! Aber eines sage ich Dir, wenn Du nicht aufhörst mit Deinen Zicken, erzähle ich der ganzen Welt, wie bösartig Du zu mir warst. Und schöne Fotos gibt es auch keine!“

Welche Fotos und Erzählungen dann tatsächlich den Weg in mein Buch gefunden haben, erfahren Sie auf www.neckartour.de. Viel Spass dabei.

Ihr
Benno Siegrist
 
 

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